Ein tiefer Sog ins Dunkle
Christian Kracht: "1979"
Wie weit kann man Ignoranz und Borniertheit eigentlich treiben? Bis in die
Hölle, zumindest wenn man den Sarkasmus, oder besser Zynismus eines Christian
Kracht besitzt. Die Protagonisten seines soeben erschienenen neuen Romans
"1979", der namenlose Erzähler, ein junger deutscher Innenarchitekt, und sein
gebildeter und arroganter Freund Christopher, sind Ignoranten in Reinkultur.
In eben jenem Jahr 1979 reisen sie nach Teheran, ausgerechnet am Vorabend der
islamischen Revolution, nichtsahnend und desinteressiert. Die Panzer an den
Straßenkreuzungen nehmen sie genauso emotional unbeteiligt wahr, wie die
Einrichtung ihres Hotelzimmers. Ihre knappen Dialoge drehen sich um sie selbst,
es sind Machtspielchen, die stets zugunsten des geistreicheren und abgebrühteren
Christopher enden. Trotz Christophers sehr heiklen Gesundheitszustandes besuchen
sie eine High-Society-Party, in deren Verlauf sich Christopher in einem
ekstatischen Ausbruch buchstäblich zu Tode feiert, während der etwas täppische
Erzähler die Bekanntschaft eines undurchschaubaren und gleichzeitig
faszinierenden Fremden macht ...
Am folgenden Tag bricht die islamische Revolution aus. Für den Helden, der
keiner ist und keiner sein will, beginnt damit eine lange Reise, ein tiefer Sog
ins Dunkel, dessen weder er noch der Leser sich erwehren kann.
Soweit die Handlung; mehr zu verraten wäre töricht. Ich muss gestehen, dass ich
einige Vorbehalte gegen Christian Kracht hatte, ohne dass ich bis zu diesem Buch
irgend etwas von ihm gelesen hätte. Doch das Urteil einiger Bekannter beschrieb
ihn als einen oberflächlichen Hedonisten, der nicht im Stande sei, über den
Tellerrand seiner eigenen beschränkten Existenz hinaus zu sehen.
Genau so einen Typen traf ich jetzt als Ich-Erzähler in "1979". Einen Typen, der
mit feinsten italienischen Halbschuhen durch den Himalaya stapft und sich,
während er halb am Verhungern ist, noch darüber freut, dass endlich seine
Speckringe verschwunden sind. Treffender und sarkastischer wurde die
gelangweilte Dekadenz, der geistige Totalausfall unserer so genannten
Zivilisation selten beschrieben. Doch hier schwingt kein Apostel die Moralkeule,
hier macht einfach jemand eine Bestandsaufnahme und hat augenscheinlich
keinerlei Lust, sich von dem Ergebnis zu distanzieren. Krachts Sprache ist fast
schon provokant einfach und nüchtern, Emotionen kommen zwar vor, haben aber den
gleichen Stellenwert wie die Beschreibung eines Sofas.
"1979" ist eine bizarre Groteske, mit vielen Anleihen an Kafka, ein Buch, das
hervorragend in die Zeit passt, schließlich geht es letztendlich um die
Erkenntnis, dass Sicherheit nicht existiert. Und kaufen kann man sie auch nicht.
Aber dieses Buch, und das ist eine Empfehlung.
Peter Gruner
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