"Krieg mit wechselnden Namen und Slogans"
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Interview mit Shahla Asad von RAWA (Revolutionary Association
of the Women of Afghanistan)
Plötzliche Bekanntheit erlangte die afghanische Frauenorganisation
RAWA erst in den letzten Wochen. Dabei engagiert sich RAWA schon
seit einem Vierteljahrhundert für die Rechte der Frauen.
Eine "befreite Gesellschaft, die auf demokratischen und säkularen
Werten basiert", hatte sich die von linken Intelektuellen
gegründete Organisation auf die Fahne geschrieben. Doch als
die RAWA-Frauen gegen die Sowjetunion nach deren Einmarsch 1979
zum Widerstand aufriefen, zogen sie von zwei Seiten Feindschaft
auf sich. Nach dem Abzug der Sowjetarmee setzten sie ihre Arbeit
in pakistanischen Flüchtlingslagern fort und engagierten
sich während der Talibanregierung in Afghanistan im Untergrund
für medizinische Versorgung, Aufklärungsarbeit und Alphabetisierung
der Frauen. Finanzielle Unterstützung gab es für die
"Revolutionäre Vereinigung" trotz wiederholter
Bittgänge an ausländische Institutionen nie.
Während in Bonn Anfang Dezember auf einer Konferenz die
Karten für eine neue Regierung Afghanistans gemischt wurden,
vertrat Shahla Asad RAWA auf einer paralell stattfindenden Konferenz
für die "Zivilgesellschaft" Afghanistans.
raumzeit: Wie schätzen Sie die Anwärter für eine
Regierungsbeteiligung in Bezug auf Frauenrechte ein?
Shahla Asad: Zur Zeit reden viele politische Gruppierungen
über Frauenrechte, auch die Nordallianz tut sich damit hervor.
Doch wir wissen von allen fundamentalistischen Gruppen, ob Taliban
oder Nordallianz, dass sie gegen Frauenrechte und Demokratie sind.
Wir haben in der Zeit vor 1996, vor dem Taliban-Regime, mit verschiedenen
fundamentalistischen Gruppierungen Erfahrungen gemacht und sie
sind absolut nicht anders als die Taliban.
raumzeit: Wie bewerten Sie die Haltung der Nordallianz während der Konferenz?
Shahla Asad: Ich glaube, sie standen unter dem Druck der Vereinten Nationen und der
Rom-Delegation. Man kann sagen, dass wir ein klein wenig Hoffnung schöpfen, denn
immer wenn in der Vergangenheit über einen Friedensprozess diskutiert wurde,
fanden die Konferenzen nur unter den Fundamentalisten statt. Dieses Mal jedoch
sind die Vereinten Nationen aktiv geworden und die Gruppe um den ehemaligen
König wurde mit einbezogen. Wir haben also die Hoffnung, dass sie zum Wohl
unseres Volkes handeln. Auch wenn wir natürlich sicher sind, dass dabei keine
für uns ideale Regierung heraus kommen wird: Es wird nur eine gewisses Maß an
Frieden und Demokratie für Afghanistan geben.
raumzeit: Die Medien berichten derzeit viel über die neu gewonnenen Freiheiten der
afghanischen Frauen. Sehen Sie die?
Asad: Es ist absolut das Gleiche wie vorher. Die Prinzipien der
fundamentalistischen Gruppen sind alle gleich. Wann immer sie an der Macht waren
und wo auch immer in der Welt, waren die Frauen die ersten Opfer. Das Ausland
sollte auch wissen, dass das Tragen der Burka nicht das einzige Problem der
Frauen in Afghanistan war. Dass sie jetzt keine Burka mehr tragen müssen, heißt
noch lange nicht, dass sie sicher leben können oder an irgendwelchen
Entscheidungen teilhaben können. Solange die politische Krise weiter existiert
und die Fundamentalisten weiter Macht haben, steht uns noch ein langer Kampf für
die Gleichberechtigung von Männern und Frauen bevor.
raumzeit: Welche Vorgehensweise gegen die Taliban und fundamentalistische
Gruppierungen insgesamt halten Sie für effektiv und möglich?
Shahla Asad: Ich glaube, der Kampf gegen Fundamentalismus ist nicht nur die Aufgabe des
afghanischen Volkes, sondern auch die der Völkergemeinschaft und insbesondere
der USA, die für lange Zeit diese fundamentalistischen Gruppen unterstützt und
gestärkt haben. Sie sollten uns helfen, den Fundamentalismus in unserem Land zu
zerstören. Erstens durch eine internationale Friedenstruppe, die diese
fundamentalistischen Kräfte entwaffnet, und zweitens indem der Zustrom von
Waffen und Geldern aus Iran, Pakistan und Saudi Arabien gestoppt wird.
raumzeit: Auch RAWA spricht sich für ein Mandat der Vereinten Nationen aus. Haben Sie
nicht die Sorge, dass die beteiligten Nationen ihre eigenen Interessen
durchsetzen wollen?
Shahla Asad: Wir warnen sie, dass sie ihre Einstellung gegenüber fundamentalistischen
Strukturen ändern müssen. Die USA haben nun erkannt, dass Fundamentalismus die
Basis für terroristische Netzwerke werden kann. Und wir hoffen, dass sie sie
nicht ein zweites Mal unterstützen werden. Doch es ist wichtig zu wissen, dass
das Ende das Fundamentalismus nur durch den Kampf unserer eigenen Leute möglich
ist, nicht durch die Einmischung eines fremden Staates.
raumzeit: Denken Sie, dass der Kampf gegen den Terrorismus das einzige Ziel der
US-Amerikaner ist?
Shahla Asad: Natürlich haben sie auch ihre eigenen politischen und ökonomischen
Interessen. Die größte Gefahr für sie war der Terrorismus, und sie haben
erkannt, dass sie die fundamentalistischen Gruppen, die diesen Terrorismus
unterstützen, bekämpfen müssen. Jetzt kämpfen sie in Afghanistan gegen den
Terrorismus, und wir können nur hoffen, dass sie nie wieder die fatale Politik
betreiben, Fundamentalismus irgendwo in der Welt zu unterstützen - nicht nur in
Afghanistan.
raumzeit: Ihre Organisation betont, dass die Bevölkerung Afghanistans den
Fundamentalismus nicht unterstützt und ihn auch kritisiert. Doch glauben Sie
nicht, dass die letzten Jahre unter der Herrschaft der Taliban die Gesellschaft
und die Menschen in Afghanistan geprägt haben und fundamentalistisches Denken in
Afghanistan Raum gewonnen hat?
Shahla Asad: Nein! Das ist als wenn jemand mehrere Jahre lang im Gefängnis gesessen hat
und dort Zeuge schrecklicher Folterungen geworden ist. Das heißt nicht, dass er
danach Folter als etwas Normales betrachtet oder sie gar selbst anwendet. So
ähnlich ist es in Afghanistan. Die Menschen wissen, dass der Fundamentalismus
die größte Gefahr für sie ist. Was er in den Jahren 92-96 angerichtet hat, und
danach noch weiter unter dem Namen Taliban, hat diese Zeit zur absolut
dunkelsten Periode unserer Geschichte gemacht. Eine Zeit des Grauens war es
sowohl für Männer als auch für Frauen - beide Geschlechter sind gefoltert,
ausgeraubt, gefangen genommen, misshandelt und ermordet worden. Dies geschah im
Namen von Religion und von ethnischen Gruppen, und ich glaube, unser Volk hat
sehr viel aus dem vergangenen Jahrzehnt gelernt.
raumzeit: Ihre Organisation nennt sich selbst "Revolutionäre Vereinigung Afghanischer
Frauen" und ihre Forderungen gehen ziemlich weit. Glauben Sie, dass sie Ihre
Ziele vor dem Hintergrund der letzten Jahrzehnte in Afghanistan verwirklichen
können?
Shahla Asad: Wir glauben, dass wir eine Revolution in Afghanistan bereits bewirkt haben.
Allein die Existenz von RAWA, der ersten unabhängigen Gruppe von Frauen in der
Geschichte Afghanistans, die seit 1977 für die Gleichberechtigung von Frauen und
Männern kämpft, betrachten wir als eine Art Revolution. Für Afghanistan ist
unser Kampf für Schulbildung von Frauen und für viele ganz grundlegende Rechte
von Frauen als gleichwertige Menschen revolutionär.
raumzeit: Glauben Sie wirklich, dass sich diese Ziele durchsetzen lassen?
Shahla Asad: Ja, absolut. Unser Volk leidet seit 23 Jahren unter einem Krieg mit
wechselnden Namen und wechselnden Slogans. Das Einzige, was die Menschen -
Frauen und Männer - in unserem Land wollen, ist Sicherheit und eine
demokratische Regierung. Vielleicht gibt es viele Menschen in Afghanistan, die
diese Ausdrücke so nicht benutzen würden. Aber wenn Sie sie nach ihren Werten
und Hoffnungen fragen würden, käme das heraus.
Allein damit, dass wir einen so deutlichen und starken Kampf gegen
fundamentalistische Gruppen und für die Demokratie begonnen haben, ist schon
viel erreicht
raumzeit: Welche Ziele verfolgt RAWA für die Zukunft?
Shahla Asad: Wir werden weiter gegen die Fundamentalisten kämpfen, denn dass sie aus der
Regierung verbannt sind, heißt nicht, dass sie nicht mehr existieren. Sie werden
mit anderen Namen und anderen Gesichtern zurückkehren. Es ist die Aufgabe von
RAWA und allen anderen anti-fundamentalistischen Gruppen, sie zu erkennen, sie
deutlich zu benennen und gegen sie zu kämpfen. Unser Kampf ist nicht vorüber,
wir kämpfen weiter für eine echte Demokratie und die Gleichberechtigung von Mann
und Frau.
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