Auf Eis gelegt
Über Asylanträge afghanischer Flüchtlinge wird vorerst
nicht mehr entschieden
Nur kurz währte für afghanische Flüchtlinge die Zeit, in der sie mit einem
positiven Bescheid im Asylverfahren rechnen konnten. Doch nun nahm das Bundesamt
für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge das Vorrücken der Nordallianz auf
Taliban-Stellungen zum Anlass, AfghanInnen kein Asyl mehr zu gewähren bzw. die
Entscheidung darüber auf ungewisse Zeit auszusetzen.
Erst Anfang Februar 2001 hatte das Bundesverwaltungsgericht seine bisherige
Praxis geändert: Es erkannte die flächendeckende Verfolgung der Taliban
gegenüber RegimegegnerInnen und anderen Personen, die sich ihren restriktiven
Verhaltensmaßregeln nicht beugen wollen, als
relevant für die Anerkennung der Asylberechtigung an. Ein entscheidender
Schritt, wie die Berliner Rechtsanwältin Renata Ebrahim, die viele AfghanInnen
im Asylverfahren vertritt, betont: "Vorher hatte das Bundesamt, das für die
Gewährung von Abschiebschutz zuständig ist, gesagt, eine politische Verfolgung,
die ja nach unserer Rechtssprechung vom Staat ausgeht, gibt es in Afghanistan
nicht, weil es keine staatliche Herrschaftsgewalt in Afghanistan gibt, sondern
es ist Bürgerkrieg. Und damit wurden im Asylverfahren alle, egal aus welchen
Gründen sie geflohen waren, abgelehnt."
Der einzige Grund, weshalb vor dieser Entscheidung jahrelang keine Abschiebungen
nach Afghanistan mehr stattfanden, waren die fehlenden Flugverbindungen.
Doch ein gesicherter Aufenthaltsstatus ist für afghanische
Asylsuchende nun in weite Ferne gerückt. "Sie werden
weiter im Ungewissen sein und ihre Aufenthaltsgestattung jedes
halbe Jahr verlängert bekommen, aber es ist keine Zukunftsperspektive.
Außerdem, ob es jemals ein positives Ende im Asylverfahren
geben wird, hängt letztendlich davon ab, wie sich die Situation
im Land darstellt", so Rechtsanwältin Ebrahim. Ob in
Zukunft gerade frauenspezifische Fluchtgründe oder nichtstaatliche
Verfolgung wieder anerkannt werden, beurteilt sie skeptisch: "Das
Bundesamt entscheidet ja aufgrund der Auskünfte des Auswärtigen
Amtes und auch anderer Berichte. Aber wenn Sie die Presse in den
letzten Wochen verfolgt haben, es wird ja gezeigt, wie die Kinder
mit den ersten elektrischen Eisenbahnen spielen... Doch von den
Massakern, die dann auch gleichzeitig in Masar-i-Sharif und woanders
erfolgt sind, davon spricht man kein Wort. Dass die jetzigen Verbündeten,
denen man gerade zur Macht verhilft, vielleicht doch nicht solche
Demokraten sind, die man auch möglicherweise dazu anhalten
kann, Menschenrechte einzuhalten und den Menschen ein menschenwürdiges
Dasein zu gewährleisten, das tritt im Hinblick der Interessen,
die darauf gesetzt sind, in den Hintergrund."
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