
A. Dürer: Altes Weib mit Geldbeutel
Einen Lebensunterhalt durch Wahrsagen und Schätze graben? |
So werd lauter Gold daraus - Vergangene Kriminelle
Energien
Zur Geschichte weiblicher Kriminalität im mittelalter-
und neuzeitlichen Nürnberg
Die Armut war schon immer weiblich - so lautet das bedauerliche
Fazit der Frauengeschichtsforschung. Frauen gerieten leichter
in Armut als Männer aufgrund schlechterer Anstellungsmöglichkeiten,
von Arbeitsverboten, geringerer Bezahlung und ungewollter Schwangerschaft.
Der Anteil allein lebender Frauen, Witwen und allein erziehender
Mütter an der besitzlosen Unterschicht überstieg im
Mittelalter und in der Frühen Neuzeit bei weitem den der
Männer.
In besonderem Maß von Armut betroffen waren die, die illegal in der Stadt
lebten. Weder besaßen sie das Bürgerrecht, noch wohnten sie mit in einem
bürgerlichen Haushalt wie die inwohner. Die Bedingungen, unter denen sie hausen
mussten, waren denkbar schlecht. Geschlafen wurde in Winkeln und Ecken, unter
Treppenhäusern oder in Ställen. Nachrichten wie Katerina vor den Toren des
Spitals, Ger ihre Gesellin, die auf den Krücken benennen die provisorischen
Schlafgelegenheiten und den schlechten körperlichen Zustand dieser Unbehausten.
Der Beiname Pelzkathra von Katharina Zitzmennin zeigt, dass warme Kleidung ein
Privileg war.
Stellten diese armen, unverheirateten Frauen im späten Mittelalter noch ein
soziales Problem dar, so machte man sie im Verlauf der Frühen Neuzeit zu einem
gesellschaftlichen. Weil sich viele ledige und nichtsnützige Weibsbilder in
heimlichen Winkeln aufgehalten und zu allerhand Gotteslesigkeiten Anlaß gegeben,
beschloss der Erlanger Stadtrat 1766, daß künftig, bey Strafe des Zuchthauses,
keine mehr in solchen Umständen Erlangen betreten dürfe. Entweder sie verdingten
sich als Mägde in einem Haushalt oder sie unterstellten sich einem Ehemann -
andernfalls wurden sie ausgewiesen.
Welche Möglichkeiten hatten diese weiblichen Bevölkerungsschichten, um ihrer
misslichen Lage zu entgehen?
Die Palette der zu beobachtenden Maßnahmen, die Frauen ergriffen, um ihre
Situation zu verbessern, ist breit: Sie reichte von mehr oder minder
einfallsreichen Tätigkeiten zur Geldbeschaffung, führte über kleine Listen und
Betrügereien zu Verweigerungstaktiken und Aufbegehren gegen die Herrschaften bis
hin zu vereinzelter Gewaltausübung.
Nicht Sesshaft

A. Orkagna: Triumph des Todes (Detail) |
Der Anteil von Frauen an den Fahrenden muss beträchtlich
gewesen sein. Einmal in die Obdach- und Arbeitslosigkeit abgerutscht,
versuchten viele, sich als Hausiererinnen und Berufsbettlerinnen
durchs Leben zu schlagen. Die Arbeitsmöglichkeiten fahrender
Frauen lassen sich an ihren Beinamen ablesen: Margaretha Tierbachin
wurde als Brandweinfrau und Hur bezeichnet. Auf dem Land waren
Eisen- und Kurzwaren nur durch Fahrende erhältlich. Dass
sie außerdem als Hur bezeichnet wird, weist auf ihren Nebenerwerb
als Prostituierte hin. Fahrende mussten ihren Broterwerb den sich
bietenden Gegebenheiten anpassen, somit mussten sich Frauen prostituieren.
Ebenso finden sich Spielweiber unter ihnen wie Margaretha Steinla,
Spilekundl genannt.
Überlebenskünste
Wer arm war, wurde leicht krank und damit arbeitsunfähig, somit bedürftig. Die
überlieferten Fälle von Betrügereien zeigen den Einfallsreichtum der
Unterschichten, sich durchs Leben zu schlagen.
Mit wahrsagen und schetzgraben hatte sich Anna Domiririn ihren Lebensunterhalt
verdient, bis man ihr auf die Schliche kam. Dass sie keine andere Möglichkeit
sah, als auf illegale Art an Geld zu kommen, zeigt ihr schlechter
Gesundheitszustand: Mehrmals hatte sie bereits im Krankenhaus gelegen.
Margaretha Schreineri war schon 60 Jahre alt, als man sie für ihre Betrügereien
zur Rechenschaft zog. Ähnlich wie diese alte Frau hatte auch Elisabeth Aurholtin
eine Krankheit vorgetäuscht. Sie ließ sich zu Boden fallen und tat, als wäre sie
ganz verzuckt. Nach dem Aufwachen sprach sie von einer Ader in ihrem Bein, die
ihr Schätze offenbare: So thue sich dann das Erdreich auff, daß sie in das gold
und Silber sehe, wie in ein Feuer. Wurde sie für eine Nacht ins Haus
aufgenommen, so hat sie sich zue Nacht gestellet, mit wischbern, mit Reden und
Antwort, darnach fürgeben, es sey ein arme verlohrne Seel, die könne nicht
Seelig werden, man habe dann den Schatz gegraben. Jedes Mal muss es ihr gelungen
sein, einen Topf mit Kohlen am Ort zu verstecken. Das sei der Schatz, behauptete
sie dann, man müsse ihn nur drei Wochen lang stehen lassen und nicht berühren,
so werd Lauter gold daraus.
Tatsächlich wurde diese phantastische Geschichte von vielen geglaubt, was einige
Zeit dazu beitrug, Elisabeth Aurholtin ein Dach über dem Kopf zu verschaffen.
Den Orten nach war sie viel herum gekommen, so wurde sie in Kulmbach,
Kirchsittenbach, Feucht und Ottensoos gesichtet. Wie sie dies mit nur einem Bein
geschafft hatte, bleibt ungeklärt. Zur Richtstätte, an der sie schließlich
geköpft wurde, musste sie getragen werden.
Ein häufiger Trick von Frauen war es auch, eine Schwangerschaft zu simulieren,
indem sie ein Kissen um den Bauch banden. Dadurch sollte das besondere Mitleid
der Bevölkerung geweckt werden.
Dass Frauen aber diejenigen gewesen seien, die sich allein durch Betrügereien
über Wasser hielten, ist nicht der Fall, obwohl sie seltener als Männer
Ausübende von Gewalt waren.
1599 wehrte sich ein weybsbild gegen den Angriff eines Mannes, indem sie ihre
beede Meßer auszog, und auff ihn gestochen. Der Angetrunkene war in Richtung
Spittler Tor spazieren gegangen und dabei in eine Auseinandersetzung mit der
Frau geraten. Dermaßen habe sie ihm zugesetzt, dass er sand aufgehoben, nach ihr
geworffen, deßgleichen sie uff ihme auch, als sie aber ihme mit dem Messer
stechn zugesetzt, hab er sein Messer auch ausgezogen, und ein stich nach ihr
tun. Schließlich erstach er sie.
Möglicherweise war diese Frau eine der heimlichen Huren, die am Plärrer illegal
der Prostitution nachgingen. Obwohl der Fall nicht glücklich für sie ausging,
hatte sie sich mit für Frauen erst mal nicht zu erwartender Brutalität zur Wehr
gesetzt.
Weibliche Gewaltbereitschaft und Mord
Meist waren es Waffen aus greifbarer Nähe oder aus alltäglichem Gebrauch, mit
denen Frauen Gewalttaten begingen. Agnes Payreuther stach mit dem protmesser auf
die Männer ein, die sie angegriffen hatten. Elß Tillerin erschlug ihren Mann im
Schlaf mit einer Hacke.
Frauen übten seltener als Männer grausame Morde mit gefährlichen Waffen aus, was
mit den gesellschaftlichen Umständen, nicht mit ihrer mangelnden
Gewaltbereitschaft zu erklären ist. Dies bleibt auch bei dem als typisch
weibliches Delikt deklarierten Giftmord zu berücksichtigen.
Der einfache Zugang zur Nahrungsmittelzubereitung legte diese Form des Mordes
nahe: Es gehörte zu ihrem regulären Aufgabenbereich. In den Grießbrei und in die
Eier mit Schmalz hatte Margaretha Brechtlin das Mucken bulffer gegeben und ihrem
Mann davon zu essen gegeben, um ihn zu vergiften. Ähnliches hatte Barbara
Wagnerin getan und zur Tarnung selbst noch drei Löffel mit gegessen. Bei
Elisabeth Bircklin wurde zwar bemerkt, dass ihr Vater ein hefftiger Bößer Mann
gewesen sei und sie hart gehalten habe, doch als Entschuldigung für den
versuchten Giftmord, Muckenpulver im Krautsalat, galt dies nicht. Diese Form des
Mordes war die unauffälligste und konnte nur schwer nachgewiesen werden. Die
Dunkelziffer muss folglich viel höher angesetzt werden. Frauen wurden also
seltener als Männer gewalttätig, da es ihnen der gesellschaftlichen Norm nach
nicht gestattet war. Ließen sie sich dennoch dazu hinreißen, bestätigten sie nur
die gängige Meinung, dass kein Zorn schlimmer sei als Frauenzorn. Eine im Affekt
begangene Straftat wurde nur bei Männern entschuldigt und mit Strafmilderung
belegt.
Frauen mussten deshalb zu anderen Mitteln greifen
1381 wurde Kathrey Molerin wegen ihrer böslichen redt aus Nürnberg gewiesen: Sie
habe die leut ubel handelt und raufft. Die Stadt verlassen musste auch Elß
Beheimin darumb, daß sie geschworen hat bei Gotts Grind [Hautausschlag] und
Gotts Zers [männliches Glied]. Auch Barbara Ludtwigin hatte Gott im Himmel
greulich gelästert.
Derartiges Fluchen richtete sich gegen die christliche Ordnung. Doch auch gegen
die weltliche Obrigkeit begehrten vereinzelt Frauen auf. Veiten Möringer und
seine Frau Susanna wurden 1550 mit einer streflichen red gewarnt, irer poesen
red halben, die sy wider Meine Herren aus dem Rat getryben. Weil sie über die
Bürgermeister geflucht und ehrbare Leute geschlagen hatten, wurde noch 1608 über
zwei Frauen eine Ehrenstrafe verhängt.
Letztendlich schlossen sich unterprivilegierte Frauen aber nicht zusammen,
sondern versuchten vereinzelt durch
unangepasstes, auffälliges Verhalten
ihre Situation zu verbessern. Ein eindeutiger Normverstoß von Frauen war das
Tragen von Männerkleidern, da dies das Erschleichen männlicher Privilegien nach
sich zog und bestehende Hierarchien bedrohte. Weil sie männisch ging und
mansgewandt anhat, wurde eine Frau 1347 aus Nürnberg verbannt. Eine andere
warnte der Rat, so sie In mans cleider funden wird, sol sie in die
Lochgefängnisse gefürt werden. Nicht nur habe Dorothea Schneiderin Wirtshäuser
frequentiert, sondern sei sogar in männlichen kleidern herumgelaufen, weshalb
sie der Erlanger Rat 1715 auswies.
Die Möglichkeiten, die Frauen aus der Unterschicht, ob fahrend oder sesshaft,
ergreifen konnten, waren denkbar gering. Wegen schlechterer
Arbeitsmöglichkeiten, wegen Schwangerschaften und geringerer Bezahlung waren
ihre Ausgangsbedingungen schlechter als die von Männern derselben Schicht.
Aber trotzdem: Sie lästerten über die Obrigkeit, sie fluchten gegen die
christliche Ordnung, sie ließen sich Lügengeschichten einfallen, sie setzten
sich auch brutal zur Wehr, sie erfanden kleine Listen und Verweigerungstaktiken,
um, wenn auch nur momentan, ihre Situation zu verbessern. Wie erfolglos diese
Maßnahmen auch immer waren und obwohl sie strukturell nichts veränderten.
Nadja Bennewitz
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