_ Raumzeit - "Ich möchte in dieser Stadt nicht begraben sein"

 

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Regelmäßige Kolumnen:


Kolumne: der kommentar

Titel: Kommentierter Wochenrückblick

17.11.2005 - Wolfang Schlicht

Angstmache in den USA, Beschwichtigungsversuche in Frankreich, Erstaunen über Kreuzberg, Beruhigen und ausgrenzen in der großen Koalition.

 

Kolumne: raumzeit-thema

Titel: "Erleichterung, weil dieses Massaker vom Gericht beim Namen genannt wurde"

25.06.2005 - Maike Dimar

560 Menschen wurden ermordet, als die 16. Panzergrenadierdivision "Reichsführer SS" am 12. August 1944 das kleine norditalienische Dorf Sant`Anna di Stazzema überfiel.

Über 60 Jahre lang wurden die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen. Dann entdeckte man 1994 im so genannten "Schrank der Schande", der jahrzehntelang aus dubiosen Gründen verschlossen in der Militärstaatsanwaltschaft in Rom stand, Akten über dieses und viele weitere Kriegsverbrechen. Eineinhalb Jahre lang währten die Verhandlungen vor dem Militärgericht von La Spezia wegen des Massakers von Sant`Anna. Am 22. Juni 2005 fiel das Urteil. Allerdings blieb die Anklagebank leer. Kein einziger der 10 Angeklagten war erschienen.

 

Kolumne: die rezension

Titel: „Der Luftkrieg gegen NÜRNBERG“

09.06.2005 - Marco Kuhn

Der Sammelband "Der Luftkrieg gegen Nürnberg", herausgegeben von Michael Diefenbacher und Wiltrud Fischer-Pache, ist im Auftrag der Stadt Nürnberg anlässlich des 60. Jahrestages der Bombardierung Nürnbergs am 2. Januar 1945 erschienen. Die Herausgeber beschreiben den Band als das "Resultat eines der bisher ambitioniertesten und effektivisten Arbeitsvorhaben des Stadtarchivs Nürnberg". Und tatsächlich macht dieser, hält man das 788 Seiten starke Werk erstmals in den Händen, einen beachtlichen Eindruck. Der Sammelband beleuchtet das Thema aus vielschichtigen, zum Teil auch abseitigen Blickwinkeln und ist insofern ein interessanter Mosaikstein für die Regionalforschung.

 

Kolumne: geschichte leben

Titel: ''...dann war es ein Traum''

07.04.2005 - Wolfgang Most

"Baiern ist Räterepublik ... " meldeten am 7. April 1919 Telegramme aus München an die bayerischen Städte und Gemeinden. Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte (ASB) übernahmen in vielen Städten und kleinen Ortschaften die Macht. Nürnberg und Erlangen schlossen sich der Räterepublik nicht an und wurden zu einem Zentrum der Gegenbewegung.

 

Kolumne: unsere bunte warenwelt

Titel: Unsere bunte Warenwelt

07.04.2005 - Rudi Maier

Das sind Tage, erst scheint ganz dolle die Sonne, was ja nach dem langen und kalten Winter eine echte Wohltat ist, dann gibt es tagelang nur ein Thema, das hier jetzt gar nicht mehr große erwähnt werden soll – ich sage nur: Rom.

 


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15.02.2002

Lotte Ansbacher - Ein jüdisches Leben in Erlangen gestern und heute Von den rund sechzig jüdischen Bürgerinnen und Bürgern, die während des Dritten Reichs aus Erlangen vertrieben oder verschleppt wurden, kehrte nach 1945 nur eine einzige auf Dauer dorthin zurück. Es war Lotte Ansbacher, die 1922 in Erlangen geboren worden war und 1939 die Stadt verlassen hatte. Nach 41 Jahren im Exil in Großbritannien ließ sie sich 1980 wieder in Erlangen nieder. Doch auch diesmal war ihr hier kein friedliches Leben beschieden. Ein weiteres Mal um ihr Vermögen gebracht, lebt sie heute vereinsamt, mittellos und blind in der 1000jährigen Stadt. Behütete Kindheit Die frühe Kindheit von Lotte Ansbacher verlief überaus glücklich. Sie war das einzige Kind von wohlhabenden Eltern, die in der Erlanger Bismarckstraße 26 nahe dem heutigen Lorlebergplatz wohnten und Teilhaber der Uhrengroßhandlung Aufseeser waren. Den Grundstock für das Unternehmen hatte Lottes Großvater Samuel Aufseeser gelegt, der sich 1911 in Erlangen niedergelassen hatte. Nach seinem Tod hatten seine Kinder Isaak, Siegmund, Helene, Natalie und Rosa, die mit Lottes Vater, Wilhelm Ansbacher, verheiratet war, das Geschäft übernommen. "Wir hatten den größten Uhrengroßhandel im damaligen Deutschen Reich", erzählt Lotte Ansbacher noch heute nicht ohne Stolz. Und weil die Firma Aufseeser in größeren Mengen einkaufte als die Konkurrenz, erhielt sie die Uhren günstiger und konnte sie deshalb auch günstiger wieder verkaufen. "So einfach war das", sagt Lotte Ansbacher. Dennoch lässt sie keinen Zweifel daran, dass für den Erfolg der Firma hart gearbeitet werden musste. Jahr um Jahr mussten die Uhrenfabrikanten aufgesucht und eine neue Kollektion zusammengestellt werden. Dann mussten die Kunden, das waren Uhrengeschäfte in ganz Deutschland, besucht werden. Für diese Fahrten schafften sich die Onkel eigens Wagen an. Isaak und Siegmund Aufseeser waren damals mit die ersten Erlanger gewesen, die sich ein Automobil leisten konnten. Die Familie Ansbacher wohnte im zweiten Stock des Hauses Bismarckstraße 26. In den beiden anderen Wohnungen lebten Lotte Ansbachers Großmutter Fanny Aufseeser und die Onkel und Tanten. 1927 geriet das behütete Leben des Kindes mit dem plötzlichen Tod des Vaters jäh aus den Fugen.

Ansbacher: "Er fiel im Büro um und war tot. Ich konnte das nicht begreifen."

Nun hatte die Fünfjährige große Angst, dass auch der geliebten Mutter etwas zustoßen könnte. Der Verlust des Vaters war das erste Trauma, das Lotte Ansbacher in ihrem Leben erleiden musste. Darüber konnte auch ihre Familie ihr nicht hinweghelfen, obwohl sie nun noch enger zusammenrückte als zuvor.

Streicher in der Loge An die Machtübernahme und die Zeit danach hat Lotte Ansbacher nur ungenaue Erinnerungen: "Ich weiß zwar, was sich damals ereignet hat, aber wir selber, unsere Familie war davon nicht unmittelbar betroffen. Wir haben sehr zurückgezogen gelebt. Das haben eigentlich alle jüdischen Familien in Erlangen getan. Trotzdem haben einige schon früh Probleme mit den Nazis bekommen - der Fränkel (Justin Fränkel, Vorbeter und Schochet der jüdischen Gemeinde von Erlangen wurde 1937 wegen der Beteiligung an einem angeblichen jüdischen Ritualmord an einem Knaben 1929 in Manau verhaftet, Anm. d. Verf) zum Beispiel, das war unser Religionslehrer. Und mein Onkel Siegmund hat auch Ärger bekommen, aber nur einmal. Da war er mitten in der Nacht von Kundenbesuchen nach Hause gekommen und hatte den Wagen in der Hofeinfahrt stehen gelassen, statt ihn in der Garage zu parken. Da mußte er zur Polizei. Aber er hat denen gesagt, dass er den Wagen nur deshalb in der Einfahrt hat stehen lassen, weil er die Leute, die im Hof gewohnt haben, nicht mitten in der Nacht durch das Motorengeräusch wecken wollte." Den von Lotte Ansbacher geschilderten Vorfall belegen Unterlagen im Stadtarchiv Erlangen. Sie geben Zeugnis davon, dass die Vorladung zur Polizei reine Schikane gegen Siegmund Aufseeser gewesen war.

Daran hat auch Lotte Ansbacher keinen Zweifel. Dennoch: "Wir haben keine Probleme gehabt. Wir haben uns ja auch sehr zurückgehalten. Politisch sowieso.

Mit Politik wollten meine Onkel nie etwas zu tun haben." Ihre vorerst aufwühlendste Begegnung mit den Nazis datiert aus dem Jahr 1934. Damals besuchte Julius Streicher das Logenhaus in der Universitätsstraße. Es war zu einem "Museum zur Dokumentation der internationalen Verschwörung der Freimaurer und des Weltjudentums" umgewandelt worden. Beim Anblick von Streicher seien ihr kalte Schauer über den Rücken gelaufen, erinnert sich Lotte Ansbacher. Wie jedes Kind kannte auch sie den "Stürmer". Täglich lief sie am "Stürmerkasten"

vorbei, in dem das Blatt mit seinen hässlichen Karikaturen hing. "Und das sollten wir sein!" "Wir alle waren wie betäubt" An persönliche Kränkungen, Feindseligkeiten oder Zurücksetzungen während der Zeit des Dritten Reichs erinnert sich Lotte Ansbacher nicht. Sie stellt zwar fest, dass sie "kaum Kontakt zu anderen Kindern" hatte, die Ursachen dafür reflektiert sie jedoch nicht. Sie dürften sehr wohl in der damaligen Ausgrenzung jüdischer Spielkameraden zu suchen sein. Unvergesslich sind Lotte Ansbacher jedoch die Ereignisse während des Pogroms vom 9./10. November 1938. Ansbacher: "Wir haben abends Radio gehört und haben den Hitler brüllen hören. Da war uns schon ganz seltsam zumute. In der Nacht zwischen zwei und drei Uhr sind sie dann gekommen - das war ja ihre bevorzugte Zeit, zwischen zwei und drei Uhr, dann, wenn die Menschen am tiefsten schlafen. Sie haben an der Tür geläutet und es wurde ihnen aufgemacht. Dann hat mich meine Mutter geweckt. Es ging eigentlich ganz zivil zu, nur unten hat einer meine Tante Helene geohrfeigt, weil sie vor Schreck einen Schreikrampf bekommen hatte. Wir haben uns angezogen und sind dann alle auf einen Lastwagen verladen worden. Mein Onkel Siegmund mit seiner Frau und seiner Tochter Trude, mein Onkel Isaak, meine Tanten Helene und Natalie, meine Großtante Rita und ihre Tochter Herta, die sich am Abend aus Nürnberg zu uns geflüchtet hatten, meine Mutter und ich. Wir wurden dann in den Innenhof des alten Rathauses gebracht. Dort haben sie uns stehen gelassen, stundenlang. Es war kalt und feucht. Meine Mutter hat eine Gallenkolik bekommen und irgend jemand war so gnädig und hat ihr wenigstens eine Kiste zum Sitzen hingestellt.

Dann haben sie mit einer Sammelbüchse dagestanden und haben die Leute eingeladen, sich für 10 Pfennig die Juden anzuschauen. Die Marktfrauen sollten kommen. Aber die sind nicht gekommen. Denen haben wir sicher leid getan. Es war schrecklich. Und die Kinder haben geschrien. ... Angst habe ich nicht gehabt, ich war wie betäubt. Wir alle waren wie betäubt. Ich habe die ganze Zeit neben meiner Mutter gestanden und neben meinen Tanten. Am Nachmittag hat man uns dann in so Arrestzellen getan. Später hat man die Männer dann ins Gefängnis gebracht nach Nürnberg und uns hat man zur Wöhrmühle gebracht." Daten"schutz" Diese Ereignisse, die sich Lotte Ansbacher unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt haben, wurden von den damaligen Tätern beim sogenannten "Reichkristallnachtprozeß" im Sommer 1950 vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth gar nicht bestritten. Zwar versuchte jeder der Angeklagten seine eigene Schuld zu minimieren, dennoch wird aus den Prozessakten ersichtlich, dass die Zeitzeugin Ansbacher die Ereignisse eher harmloser darstellt, als sie nach Aktenlage waren. Vor Gericht schilderten Zeugen Ereignisse, die an Gewaltätigkeit weit über das hinaus gehen, was Lotte Ansbacher berichtet, und was der Erlanger Öffentlichkeit bisher über die Ereignisse während des Pogroms bekannt ist. Der Leiter des Stadtarchivs Erlangen verweigerte im Frühjahr 2000 der Verfasserin und einem Stadtrat der Grünen Liste (GL) die Einsicht in diese Akten, die eigens vom Staatsarchiv Nürnberg nach Erlangen zur Einsichtnahme geschickt worden waren. Seine Begründung: Datenschutz. Erst nach der Rückführung der Akten nach Nürnberg und Rücksprache mit dem bayerischen Justizministerium war die Akteneinsicht möglich. Die beschlagnahmten Kultgegenstände Die am 10. November 1938 in Erlangen verhafteten Juden wurden am Nachmittag aufgeteilt. Während man die Männer ins Gefängnis nach Nürnberg transportierte, wurden die Frauen und Kinder in das Obdachlosenasyl in der Wöhrmühle gebracht. Zuvor jedoch mussten die Erlanger Juden erleben, wie ihr Betsaal geschändet wurde. SA-Männer zwangen jüdische Männer, die Kultgegenstände aus dem Betsaal im Haus Einhornstraße 5 zu holen. Ansbacher:

"Ich erinnere mich sehr gut. Wir haben vor dem Rathaus auf unseren Abtransport gewartet. Und der Betsaal war doch genau vis-à-vis von da, wo wir gewartet haben. Das Haus hat dem Fräulein Wassermann gehört. Und da habe ich dann gesehen, wie die jüdischen Männer die ganzen Sachen aus der Synagoge herausholen und ins Rathaus bringen mußten. Dort mussten sie sie dann in den Keller tragen und in eine Ecke werfen.... Es müssen ungefähr fünf oder sechs Thorarollen gewesen sein. Ich kann mich noch erinnern, dass eine dabei war, die war besonders schön und groß. Mein Onkel Siegmund hat eine getragen, mein Onkel Isaak hat eine getragen und der Max Fleischmann hat auch eine gehabt. Wer die anderen getragen hat, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall: Die Sachen kamen in den Keller vom damaligen Rathaus." Von dort verliert sich jede Spur der Kultgegenstände. Ihr Verbleib konnte bis heute nicht geklärt werden. Unterlagen der Jewish Restitution Successor Organisation (IRSO), die heute in den "Central Archives for the History of the Jewish People" in Jerusalem lagern, geben jedoch Aufschluss über Art und Anzahl der verschollenen Ritualien. Eine 1959 zu Zwecken der Wiedergutmachung erstellte Liste führt die folgenden Gegenstände auf: "9 Thorarollen; 9 Paar Thoraaufsätze mit Schellen, Silber; 9 Schilder, Silber; 3 Lesefinger, Silber; 30 Thoramäntel, durchschnittlich; 50 Wimpel, handbemalt und bestickt; 4 Thora-schreinvorhänge; 4 Decken für Vorlesepult; 1 Ewige Lampe; 1 Siebenarmiger Leuchter; 1 Chanukkaleuchter, Silber; 30 Seelenlichter; 2 Weinbecher, Silber; 1 Hawdallahgarnitur, Silber; 1 Trauhimmel;

2 Megilloth; 2 Schofarhörner; 12 Gebetsmäntel; 5 Paar Phylakterien (Gebets- riemen); 20 Gebetbücher; 20 Festgebetbücher; 20 Pentateuche; Aufrufplatten, 1Satz; 1 Ethrogbüchse, Silber." Zur Erstellung ihres Antrags auf Wiedergutmachung hatte die IRSO ehemalige Mitglieder der Erlanger jüdischen Gemeinde befragt. Zu diesen hatte neben Lotte Ansbachers Tante Helene Aufseeser auch der ehemalige Vorbeter der Gemeinde, Justin Fränkel, gehört. "Der Fränkel wird wohl gewußt haben, was alles da war", meint Lotte Ansbacher befriedigt darüber, dass ihre Angaben über die Kultgegenstände ihre Bestätigung gefunden haben. In Erlangen ignoriert man das Ausmaß des materiellen Schadens, den die jüdische Gemeinde während des Pogroms erlitt, bis heute. Ilse Sponsel, die seit zwanzig Jahren über die jüdische Gemeinde Erlangen forscht, lancierte statt dessen zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2000 in den "Erlanger Nachrichten"

einen Artikel mit dem Titel "Der Gesetzesrolle auf der Spur. Nachforschungen über die 1938 verschwundene Thorarolle der jüdischen Gemeinde Erlangen". Darin versucht sie den ebenso unsinnigen wie haltlosen Beweis dafür zu erbringen, dass beim Pogrom am 10.11.1938 im Betsaal der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Erlangen keine Thorarolle mehr vorhanden war. Sie beruft sich dabei auf den damals 14jährigen Max Fleischmann als angeblich einzigen noch lebenden Zeugen. Max Fleischmann hat der Darstellung Sponsels in einem Telefonat mit der Verfasserin wider-sprochen. Weitere Augenzeuginnen wie Irmgard Klawansky (geb.

Loewi) und Lotte Ansbacher wurden von Sponsel nicht befragt. Hintergrund von Sponsels Artikel dürfte der Umstand gewesen sein, dass die IKG Erlangen sich im Januar 2000 mit dem Hinweis auf die dereinst beschlagnahmten "fünf bis sechs Thorarollen" von der Stadt Erlangen finanzielle Unterstützung bei der Anschaffung von wenigstens einer neuen Thorarolle erbat. Meinte Sponsel mit ihrem Beitrag möglichen Forderungen von jüdischer Seite an die Stadt zuvor kommen zu müssen? Der finanzielle Schaden, den die jüdische Gemeinde Erlangen 1938 erlitt, war jedenfalls beträchtlich: Der Wert der verschollenen Kultgegenstände wurde von der IRSO 1959 auf DM 71.725,- beziffert. Er dürfte aber schon damals höher gewesen sein, da die IRSO außer Betracht ließ, dass es sich bei den verschwunden Ritualien zum Teil um antike und kunst-historisch wertvolle Objekte handelte. Dies war jedenfalls die Einschätzung des jüdischen Kunsthistorikers Theodor Harburger, der in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts jüdische Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern inventarisierte.

Harburger hatte die jüdische Gemeinde Erlangen 1928 besucht und dort mehrere bedeutende Objekte registriert. Darunter waren ein silberner Thoraschild und Thorazeiger aus dem 18. Jahrhundert, deren heutiger Wert alleine bei ca. 50 000 bis 70 000 DM liegen dürfte. So jedenfalls die Schätzung des Jüdischen Museums Franken in Fürth. In Erlangen ist über diese Dinge nichts bekannt. Man weiß

auch nichts von weiteren Vermögenswerten, die der IKG Erlangen im Zuge der "Arisierung" gestohlen wurden. Dabei kann man das in einschlägigen Aktenbeständen des Staatsarchivs Nürnberg nachlesen. In einem Vernehmungsprotokoll vom 16. März 1939 gibt der SA-Obersturmführer Ludwig Aßländer, der als Kreiswirtschaftsberater mit der "Arisierung" in Erlangen beauftragt war, u.a. an, dass er sich in den Besitz von Wertpapieren in Höhe vom RM 10 000 brachte, die der jüdischen Gemeinde gehörten. Dieser Schaden war offensichtlich nicht einmal der IRSO bekannt, denn er taucht in ihren Wiedergutmachungsforderungen nicht auf. Vermutlich ist dafür auch nie Entschädigung geleistet worden. "Das wollen die Erlanger doch alles gar nicht wissen", lautet Lotte Ansbachers Kommentar zu den Ergebnissen der Nachforschungen über den gestohlenen Besitz der jüdischen Gemeinde. In der Tat deutet vieles daraufhin, dass sie mit dieser Vermutung recht hat. Der silberne Rikscha-Fahrer Nach dem Pogrom vom 9./10. November 1938 wurden die jüdischen Frauen mit ihren Kindern in das Obdachlosenasyl in die Wöhrmühle gebracht und dort unter unwürdigen Bedingungen festgehalten. Es mutet daher mehr als peinlich an, dass die Stadt Erlangen 1999 ausgerechnet dieses Gebäude ins Auge fasste, als es darum ging, einen Gebetsraum für die neugegründete jüdische Gemeinde in Erlangen zur Verfügung zu stellen. Erst nachdem dieser Fauxpas durch einen Leserbrief der Verfasserin publik geworden war, sah sich die Stadt Erlangen genötigt, der jüdischen Gemeinde bei der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten behilflich zu sein. Bei Lotte Ansbacher weckt die Wöhrmühle jedenfalls schlimmste Erinnerungen. Drei Tage musste sie damals dort mit den jüdischen Frauen und deren Kindern in Ungewissheit über ihr weiteres Schicksal sowie das der Ehemänner und Väter verbringen. Vor lauter Aufregung hatte Lottes Tante Helene Aufseeser auch noch einen Herzanfall erlitten. Ansbacher: "Wir mussten dann da putzen. Ich kann mich noch erinnern, ich habe da die Treppe geputzt. Am Samstag haben sie uns dann endlich nach Hause gelassen.

Nacheinander, damit es nicht so auffällt. Zuhause hat es schrecklich ausgesehen. Wie wenn eine Hochexplosivbombe eingeschlagen hätte. Wir sind knietief in Trümmern und Schutt gewatet. Zersplitterte und zerhackte Möbel, zerfetzte Stoffe, zerschlagenes und zerbrochenes Porzellan, Bettfedern, die überall herumgeflogen sind. Selbst unsere Kleidung war zerfetzt und dann war alles mögliche gestohlen worden. Vor allem Silbersachen. Meine Mutter hat doch solche Sachen gesammelt, solche kleinen Figürchen aus Silber. Da waren auch so chinesische Sachen dabei. Ein Rikscha-fahrer aus Silber. Die Sachen standen alle in einer Vitrine. Vor der habe ich als Kind immer gestanden und habe mir die ganzen hübschen Sachen angeschaut. Und die waren jetzt alle weg. Und Teppiche haben gefehlt und Möbel und alles Mögliche. Was man wegschleppen konnte, haben sie weggeschleppt. Und alles Andere haben sie kaputt gemacht. Der Familienschmuck war natürlich auch weg. Später habe ich die Ringe unserer Familie wiedergesehen, an den Fingern von einem unserer Mieter. Unsere Wäsche trocknete bei den Mietern aus dem Hinterhaus auf der Wäscheleine. Die Uhren waren natürlich auch gestohlen. An dem Weihnachten hat in Erlangen mit Sicherheit kein Geschäft eine Uhr verkauft." Die einschlägigen Prozessakten belegen, wie ungehemmt die deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger mit und ohne Uniform während des Pogroms in den jüdischen Häusern gehaust haben und wie ungeniert sie sich vor allem im Anwesen Ansbacher/Aufseeser bedienten. Umso unverständlicher mutet es an, wie Ilse Sponsel in ihrem Beitrag für das "Erlangen"-Buch von Jürgen Sandweg zu der Einschätzung gelangen konnte, dass "die Parteiorganisationen peinlich bemüht waren, den Verdacht der unrechtmäßigen Bereicherung von Volksgenossen am jüdischen Schand-Reichtum zu vermeiden." Die Enteignung Lotte Ansbachers beiden Onkeln Siegmund und Isaak Aufseeser blieb im Gegensatz zu anderen jüdischen Männern die KZ-Haft in Dachau erspart. Allerdings wurden die Onkel mehrere Wochen in Nürnberg im Gefängnis festgehalten. Von dort wurde Siegmund Aufseeser mit dem Wagen abgeholt und nach Erlangen ins Rathaus gebracht. "Dort hat man ihn dann mit einem Revolver bedroht und ihm gesagt: 'Saujud, gibst Du Dein Haus her!'.Was soll man auf so eine freundliche Aufforderung schon antworten?", sagt Lotte Ansbacher bitter.

Das Anwesen Aufseeser wurde "arisiert". Grundlage für die "Arisierungen" war die "Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens" vom 3.12.1938. Wie die "Arisierungen" in Erlangen abliefen, kann man in dem bereits erwähnten Vernehmungs-protokoll von Ludwig Aßländer vom 16. März 1939 im Staatsarchiv Nürnberg nachlesen. Demzufolge wurden die jüdischen Besitzer von insgesamt zwölf Erlanger Anwesen von Aßländer jeweils mit offiziellen Anschreiben auf dem Briefpapier der Stadt Erlangen ins Rathaus vorgeladen. Dort führte Aßländer die "Verhandlungen" mit den Besitzern alleine. Bedenken des Notars Reichold, die unter Druck zustande gekommenen Vereinbarungen zu beurkunden, wischte Aßländer vom Tisch. Dabei war mehr als offensichtlich, dass es mit dem "Verkauf" nicht mit rechten Dingen zugegangen sein konnte. Weshalb sollte beispielsweise Siegmund Aufseeser sein Haus Bismarckstraße 26 und das Hinterhaus mit der Nummer 20 zum Preis von RM 4 580,- (laut "Kaufangebot" vom 23.11.1938)

hergeben? Diese Summe entsprach gerade einmal zehn Prozent des Einheitswerts.

Proteste gegen die Enteignung waren vergeblich. Wer sich, wie der Erlanger Fotograf Jakob Benesi, weigerte, hatte mit Gewalttätigkeiten zu rechnen. Über die beschlagnahmten Fahrzeuge der Aufseesers (angeblich bekam die SA sie), von den Mieteinnahmen, die Aßländer nach eigenem Bekunden von Aufseeser kassierte oder von den 10.920 RM, die Aßländer "von den Juden S. und J. Aufseeser zur Abdeckung einer Hypothek erhalten" hatte, hat man in Erlangen noch nie etwas gehört oder gelesen. Höchste Zeit, dass dieses "dunkle Kapitel" auch in Erlangen aufgearbeitet wird. Die Flucht "Die Häuser waren wir dann los. Aber die beiden Onkel durften dann ziemlich bald nach Großbritannien ausreisen. Ein Großonkel von mir, ein Bruder meiner Großmutter Fanny selig, hat das alles arrangiert. Wenig später sind dann meine Tanten, meine Mutter und ich ausgereist." Bis heute begreift Lotte Ansbacher nicht, wie ihre Angehörigen die politische Lage in Deutschland so lange verkennen konnten. "Ich verstehe nicht, wie meine Onkel so blöd sein konnten, solange in Deutschland zu bleiben. Das waren doch intelligente Menschen." Dass es mit der Ausreise von Lotte Ansbacher, ihrer Mutter und den Tanten überhaupt geklappt hatte, verdankten sie ihrem Dienstmädchen Katharina Seeberger. "Die Rina hat uns das nötige Geld gegeben, damit wir wegfahren konnten. Denn wir hatten nichts mehr", bekennt Lotte Ansbacher freimütig. "Unsere Rina war ein herzensguter Mensch!" fügt sie hinzu. Ihre unverbrüchliche Treue zur Familie Ansbacher hatte Katharina Seeberger, die seit 1926 im Haushalt der Ansbachers tätig war, über viele Jahre unter Beweis gestellt. Auch nach dem Pogrom war sie bei der Familie geblieben.

Selbst eine Denunziation und ein Verhör wegen des angeblichen Verstoßes gegen die "Rassengesetze" im Dezember 1938 hatte sie in ihrer Entscheidung nicht wankend machen können. Ansbacher: "Die Ausreise aus Deutschland war herrlich!

Endlich draußen! Innerlich haben wir gejubelt!" Die Familie ließ sich in London nieder. Die Onkel fanden eine Anstellung in der Uhrengroß-handlung von Lotte Ansbachers Großonkel, und die Frauen, Lotte, ihre Mutter und die Tanten Helene und Natalie Aufseeser schlugen sich mit Heimarbeit durch. "Was sollten wir denn schon machen? Wir hatten ja nichts gelernt." Lotte Ansbacher erinnert sich an Pompons für Pantoffeln, Schleifen für Haarspangen und Gürtelschnallen, die sie in Heimarbeit erstellten. "Die Arbeit war nicht besonders schön und wir haben bescheiden gelebt", so ihre Erinnerung. "Aber wir wollten niemandem zur Last fallen. Dazu waren wir zu stolz." Das Dritte Reich endete an einem strahlenden Frühlingstag, der Lotte Ansbacher unvergessen bleibt. Die "Wiedergutmachung"

Sehr bald nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs meldete sich ein Nürnberger Rechtsanwalt bei der Familie Aufseeser/Ansbacher, der sich erbot, für die Familie tätig zu werden. Es galt, den 1938 "arisierten" Besitz zurückzubekommen, was kein leichtes Unterfangen war. Es vergingen Jahre und am Ende fand sich Lotte Ansbacher als Alleinerbin wenigstens der beiden Häuser wieder. Um einen weiteren Teil des früheren Besitzes prozessierte sie erfolglos bis in die neunziger Jahre hinein. Doch Lotte Ansbacher läßt nicht locker: "Ich verlange, dass man uns das wieder gibt, was man uns gestohlen hat!" Diesen Satz hört man von ihr immer wieder, ebenso wie diesen: "Niemand macht sich eine Vorstellung davon, was die Erlanger uns alles gestohlen haben!" Umso erstaunlicher mutet es an, dass Lotte Ansbacher 1980 nach Erlangen zurückkehrte. Ansbacher: "Ich wollte nicht zurück in diese Stadt, nicht nach allem, was die uns hier angetan hatten. Aber: Wo sollte ich hin?" Ende der sechziger Jahre wurde bei Lotte Ansbacher eine beginnende Netzhautablösung diagnostiziert. Sie fuhr zu Augenärzten in die Schweiz. Es folgte Operation auf Operation. Vergeblich. Langsam aber sicher war sie am Erblinden. In dieser Situation suchte sie die Nähe des letzten ihr verbliebenen vertrauten Menschen.

Es war Katharina Seeberger, die sie seit ihren Kindertagen kannte und die ihr und ihrer Familie in schwerster Not beigestanden hatte, und die nun in einer Wohnung im Haus der Ansbachers in der Bismarckstraße 20 lebte. Zu ihr kehrte Lotte Ansbacher Anfang 1980 zurück und nahm ihr Eigentum wieder persönlich in Besitz. Die "Heim"kehr Die Rückkehrerin Lotte Ansbacher wurde bei ihrer Ankunft in Erlangen von der "Beauftragten der Stadt Erlangen für die Betreuung der ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger", Ilse Sponsel, in ihrer Wohnung in der Bismarckstraße 20 persönlich begrüßt. Ein näherer Umgang sich zwischen Lotte Ansbacher und Ilse Sponsel ergab sich nicht, wobei Lotte Ansbacher keinen Hehl daraus macht, dass ihr Ilse Sponsel wenig sympathisch war. Nach ihrer Rückkehr befand Lotte Ansbacher, dass es mit ihren beiden Häusern im argen liegen würde. Der Verwalter, den sie eingestellt hatte, erschien ihr wenig vertrauenswürdig. Sie verdächtigte ihn, einen Teil der Miete in die eigene Tasche zu stecken. Zudem waren die Mieter, die er ins Haus geholt hatte, ihr nicht genehm. Wenn Lotte Ansbacher heute von ihren ehemaligen Mietern spricht, dann nur unter dem Begriff "Chaoten". Inwieweit es tatsächlich welche waren, konnte sie mit eigenen Augen nicht überprüfen. Jedenfalls waren ihr diese Mieter, die Fahrräder, Autoteile und ausrangierte Möbel im Hof abstellten, über die die blinde Frau dann stolperte und über die sich andere Mieter angeblich beschwerten, immer weniger genehm. Ein abgestelltes Sofa, in dem sich, so behauptet es Lotte Ansbacher, Ungeziefer eingenistet hatte, rief ihren erbitterten Zorn hervor. Lotte Ansbacher hatte so ihre Vorstellungen, wie ideale Mieter aussehen sollten. Ihre Mieter entsprachen diesem Bild nicht.

Deshalb stand für Lotte Ansbacher fest, dass sie sich dieser Mieter so schnell wie möglich entledigen wollte. Sie verfasste Kündigungen. Denen wurde nicht entsprochen. Sie schrieb neue Kündigungen, die ebenfalls nichts fruchteten. Sie schaltete Rechtsanwälte ein, die ihrerseits Kündigungen verfasste, die aber vor Gericht nicht standhielten. Lotte Ansbacher betrieb den Kampf gegen die unliebsamen Mieter mit großer Unerbittlichkeit. Dass ihren Klagen vor Gericht nicht entsprochen wurde, führte sie weniger auf das deutsche Mietrecht zurück, als auf einen latenten Antisemitismus. "Wer gibt schon einer Jüdin Recht?" Da Lotte Ansbacher ihre Mieter nicht los wurde, sann sie auf eine andere Form der Abhilfe. Sie entschloss sich, die beiden Häuser zu verkaufen. Der bevorstehende Verkauf der Häuser schreckte die Mieter auf. Sie witterten einen Immobilienhai, dem sie das Terrain nicht überlassen wollten. Die Stadt Erlangen schaltete sich in das "Hausproblem" ein. Ansbacher: "Der Hahlweg war mal da und hat sich alles angesehen. Aber geholfen hat er mir nicht. Wer hilft schon einer Jüdin? Die Stadt hat mir dann angeboten, die beiden Häuser zu kaufen. DM 700 000 hat man mir geboten oder waren es gar DM 800 000,-? Die Stadt Erlangen hat haargenau gewusst, dass ich verkaufen muss, da wollten sie halt auch noch ein Schnäppchen machen." Die Stadt Erlangen wurde nicht Eigentümerin der beiden Häuser. Lotte Ansbacher verkaufte an einen Investor, der sich, so Ansbacher, als wenig seriös entpuppte. Angeblich schuldet er ihr heute noch Geld. Der falsche Freund Während ihrer Streitigkeiten mit ihren Mietern hatte Lotte Ansbacher die Bekanntschaft eines Erlanger Polizeibeamten gemacht, der sich scheinbar rührend ihrer Sorgen und Nöte annahm: Er hieß Ralph Enderle und brachte Lotte Ansbacher in den nächsten Jahren um den Rest ihres Vermögens. Ansbacher: "Wieso das passieren konnte? Ich habe eben nicht einen Menschen mehr gehabt, der mir im geringsten geholfen hat. Und ich war vollständig blind! Kein Mensch hat mir geholfen. Niemand! Darum bin ich auf den reingefallen!" Der Polizeibeamte Enderle sollte Lotte Ansbacher gegen die unliebsamen Mieter beistehen. Diese wollten das Haus nach dem Verkauf nicht räumen. Enderle begann sich bald auf anderen Gebieten nützlich und zunehmend unent-behrlich zu machen. Insbesondere kümmerte er sich um Lotte Ansbachers Vermögens-angelegenheiten. Ansbacher: "Ich habe gedacht, einem Polizeibeamten kann man trauen! Wenn man der Polizei nicht mehr trauen kann, wem soll man dann überhaupt noch trauen?" Als Lotte Ansbacher endlich Verdacht schöpfte, war es zu spät. Immer wieder hatte die Raiffeisenbank Erlangen Ralph Enderle, der sich von Lotte Ansbacher uneingeschränkte Vollmachten hatte erteilen lassen, ihr Geld ausgehändigt.

Solange bis nichts mehr da war. Verdacht will die Bank in all den Jahren keinen geschöpft haben. "Vielleicht war es der Bank ja auch einfach egal, was mit dem Geld der Jüdin passierte", meint Lotte Ansbacher bitter. "Jedenfalls bin ich der Meinung, dass sie mir - einer Blinden gegenüber - besondere Sorgfalt hätte walten lassen müssen." Doch die Bank wies jede Verantwortung für den entstandenen Schaden weit von sich. Heute ist Lotte Ansbacher auf Beihilfe zum Lebensunterhalt angewiesen. Nun hat sie große Angst, dass man ihr auch noch den letzten Rest ihrer Habe stiehlt. Bei der Polizei hat sie sich erkundigt, wie sie ihre Wohnung vor Eindringlingen sichern kann. Doch die Beamten nehmen Lotte Ansbacher und ihre Befürchtungen nicht ernst. Und wenn sie bei der Polizei Hilfe sucht, weil ihr eine der Studentinnen, die sie einmal in der Woche zu Erledigungen begleitet, eine neugekaufte Flasche Cognac unterschlägt, dann wird sie von den Beamten hingehalten. Die Totgeschwiegene Das Schicksal, das der in Erlangen lebenden Jüdin Lotte Ansbacher widerfuhr, passt schlecht zu dem Bild, das die Stadt Erlangen von sich und ihrem Umgang mit ihren ehemaligen jüdischen Bürgern zu vermitteln versucht. Immer wieder erfährt man durch die Presse von freundlichen Empfängen, die den ehemaligen jüdischen Bürgern bereitet werden, wenn diese hin und wieder zu Besuch kommen. Auf großformatigen Fotos sieht man da zuweilen den Oberbürgermeister mit seiner Amtskette neben einer gerührt wirkenden alten Dame stehen, die auch gleich ihren Mann, ihre Tochter, ihren Schwiegersohn und ihre Enkelin mit nach Erlangen gebracht hat. Lotte Ansbacher entlocken Schilderungen über solche Empfänge im Rathaus nur zynische Kommentare. "Was wissen die Leute, die seit Jahren in USA leben und jetzt für ein paar Tage hier her kommen, schon davon, wie es hier in dieser Stadt wirklich zugeht. Die wissen doch gar nicht, was hier los ist. Von wem denn auch?" Auch Lotte Ansbacher war bei ihrer Rückkehr nach Erlangen 1980 zu einem Empfang ins Rathaus eingeladen worden. Ansbacher: "Aber ich bin nicht hingegangen. Ich wollte nicht ins Rathaus. Ich hatte keinen Lust mich da vorführen und abfotografieren zu lassen, noch dazu, wo ich blind bin. Ich wollte auch nicht, dass sich irgendjemand mit mir wichtig macht. Später hat es dann geheißen, ich sei zu diesem Empfang nicht gekommen, weil ich krank war, aber das stimmt nicht! Ich wollte da nicht hin. Und im übrigen: Die Stadt Erlangen hat mir ja auch damals keinen Abschied gegeben!" Auf die Tatsache, dass sie die Rolle der glücklichen jüdischen Heimkehrerin zu spielen verschmäht hatte, führt Lotte Ansbacher den Umstand zurück, dass sie von der Stadt Erlangen nie informiert, geschweige denn eingeladen wurde, wenn ehemalige jüdische Erlangerinnen und Erlanger wie Edith Schwarz (geb. Fränkel), deren Bruder Ernst Fränkel, Irmgard Klawansky (geb. Loewi) oder deren Schwester Marga Hahn zu Besuch kamen. Auch von der Visite von Ilse Mannheimer (geb.

Hopfenmaier) im Jahr 1984 oder den Besuchen von Adolf Dingfelder und Max Fleischmann erfuhr sie nichts. "Nein, man hat mich nicht eingeladen, obwohl ich einige von den Leuten sehr gerne wieder getroffen hätte. Den Max Fleischmann zum Beispiel, mit dem wir sehr befreundet waren." Bitter setzt Lotte Ansbacher hinzu: "Ich werde in dieser Stadt und von dieser Stadt naja, totgeschwiegen - nicht ganz - aber fast." Dass Lotte Ansbachers Existenz in Erlangen gerade von Leuten unterschlagen wird, die es besser wissen müssten, beweist ein Zeitungsartikel von Ilse Sponsel vom 3. März 1983 in den "Erlanger Nachrichten". Darin kann man lesen: "Heute leben im Stadtgebiet keine alteingesessenen Juden mehr". Der neue Betsaal Die jüdische Gemeinde, die sich 1997 überwiegend aus jüdischen Kontingentflüchtlingen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion neugegründet hat, erinnerte sich der alten jüdischen Dame und lud sie zu ihrer Chanukka- und Purimfeier und später auch zum Sederabend an Pessach ein. Im April 2000 erlebte Erlangen dann die Einweihung eines neuen jüdischen Betsaals. Diesem Ereignis vorausgegangen waren langwierige und zähe Verhandlungen mit der Stadt Erlangen, die sich erst sehr spät und nur auf Druck von außen ihrer historischen Verantwortung stellte. Ein Antrag der GL-Stadtratsfraktion hatte kurz vor der geplanten Einweihung den Durchbruch gebracht. Mit dem Hinweis auf die während des Pogroms geraubten Kultgegenstände und Thorarollen der ehemaligen Kultusgemeinde, stellte die Stadt im März 2000 der jüdischen Gemeinde ein Darlehen in Höhe von DM 50 000,- zur Anschaffung einer neuen Thorarolle zur Verfügung. "Most generous!", lautete Lotte Ansbachers sarkastischer Kommentar zu diesem Darlehen. "DM 50 000 sind wirklich sehr großzügig, wenn man bedenkt, was sie uns alles gestohlen haben!"

Am Sonntag, den 2. April 2000 stand Lotte Ansbacher in ihrem schönsten Kleid am geöffneten Fenster des neuen Betsaales in der Hauptstraße 34. Die Sonne schien.

Von unten von der Straße erklangen fröhliche hebräische Gesänge. Unter einem Baldachin wurde die neue Thorarolle herbei getragen und vor der Haustür tanzte der Rabbiner ausgelassen in seinem Gebetsmantel. Lotte Ansbacher konnte die Szene nicht sehen, aber sie freute sich sichtlich daran. Dies obwohl sie große Bedenken hinsichtlich des Neuanfangs einer jüdischen Gemeinde in Erlangen hat.

Ansbacher: "Die armen russischen Juden, ausgerechnet nach Erlangen bringt man sie!" Die Einweihung des Betsaals verlief feierlich. Alle obligaten Würdenträger waren gekommen. Danach hatte es einen kleinen Stehempfang im Nebenraum des Betsaals gegeben. Auch Lotte Ansbacher hatte daran teilgenommen.

Sogar mit Oberbürgermeister Balleis hatte sie sich unterhalten. Freundlich hatte sich der großgewachsene OB zu der kleinen Frau Ansbacher herunter gebeugt und ihr sein Ohr geliehen. Und Lotte Ansbacher hatte beherzt die Gelegenheit ergriffen und ihm ihr Leid geklagt. Der OB versprach Hilfe. Auf diese wartet Lotte Ansbacher jedoch bis heute. Die Toten Bewegend war es für die alte Dame geworden, als der Rabbiner bei der Einweihung des neuen Betsaals aus dem neuangelegten Memorbuch der jüdischen Gemeinde Erlangen die Namen der 29 ehemaligen Gemeindemitglieder vorgelesen hatte, die im Dritten Reich von den Nazis ermordet worden waren. Es sind dies: Amalie Bauer geb. Neuburger, Ernestine Bauer geb. Stern, Josef Bauer, Lotte Bauer, Simon Bauer, Gottliebe Benesi geb. Katz, Alfred Cohn, Rosa Cohn geb. Moch, Adolf Dreifuß, Josef Flink, Betty Hopfenmaier geb. Aufseeser, Hella Hopfenmaier, Max Hopfenmaier, Wilma Katz geb. Tausig, Hildegard Laink-Vissing geb. Katz, Ludwig Loewi, Siegmund Meyer, Jenni Rotenstein, Simon Rotenstein, Sofie Rotenstein geb. Paper, Frieda Uhlfelder geb. Flink, Josef Uhlfelder, Ingeborg Walg geb. Hopfenmaier, Thekla Wassermann, Klothilde Weglein geb. Katzenberger, Samuel Weglein, Isaak Weinstock, Ignatz Wild, Paula Wild geb. Schiff. Nicht aufgeführt im Gedenkbuch der jüdischen Gemeinde sind die katholischen Angehörigen von Gottliebe Benesi:

ihr Mann Jakob und ihre Kinder Erich, Hannelore und Hildegard. Unter den Opfern, die die jüdische Gemeinde von Erlangen betrauert, befinden sich auch vier Angehörige von Lotte Ansbacher. Beim Namen Ingeborg Walg geborene Hopfenmaier hatte die alte Frau mit den Tränen gekämpft. Ansbacher: "Die Inge, das war meine Kusine gewesen. Sie war ein Jahr älter als ich und sie war ein bildschönes Mädchen. Und ich mochte sie sehr gerne. Ihre Mutter Betty war eine Schwester meiner Mutter. Sie hatte den Max Hopfenmaier geheiratet. Der hat mit Farben und Ölen gehandelt. Gewohnt haben sie in der Pfarrstraße. Dann hatte die Inge noch eine jüngere Schwester, die Hella. 1937 ist zuerst der Max Hopfenmaier und später dann die ganze Familie nach Rotterdam gezogen. Die Inge ist von dort aus nach England gegangen, wo sie in einem Kinderheim als "nurse"

gearbeitet hat. Als der Krieg ausbrach, ist sie zurück nach Holland zu ihrer Familie gefahren. Sie hat dann einen jungen Mann kennengelernt, der aus einer sehr guten jüdischen Familie stammte. Walg hat er geheißen. Seine Familie hat einen Lebensmittel-großhandel in Den Haag betrieben. Die beiden haben geheiratet. Als die Nazis nach Holland kamen, mussten meine Tante Betty, ihr Mann und meine Kusine Hella nach Utrecht umziehen. Später sind sie dann in ein Lager gekommen. Dort hat die Inge noch ein kleines Mädchen zur Welt gebracht, das aber schon im Lager gestorben ist. Sie sind dann alle nach Sobibor deportiert und ermordet worden. Und meine Mutter, die hat sich in England solche Sorgen um ihre Schwester Betty und ihre Familie gemacht. Tagelang hat sie am Fenster gesessen und hat gewartet. Denn es sind ja immer mal wieder Schiffe von Holland nach England durch gekommen. Aber sie waren nie dabei. Vor lauter Gram und Kummer ist meine Mutter dann gestorben." Das Schicksal von Inge Walg und ihrer kleinen Familie ist in Erlangen nicht bekannt. Die Daten, die sich über sie und ihre Angehörigen im "Gedenkbuch für die Erlanger Opfer der Shoa" befinden, sind lückenhaft und teilweise falsch. Lotte Ansbacher will im Frühjahr den jüdischen Friedhof in der Rudelsweiherstraße besuchen und auf dem Grab ihres Großvaters einen Rosenstrauch pflanzen. Im Herbst 2001 hat die jüdische Gemeinde von Erlangen ihren Friedhof offiziell wieder in Besitz genommen. Aber Lotte Ansbacher möchte dort nicht bestattet werden. "Nicht in dieser Stadt! Ich möchte in dieser Stadt nicht begraben sein!" Dr. Christiane Kolbet

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